Die Zeit der Auschwitz-Prozesse

Der Pax Christi Arbeitskreis im Dekanat Königstein hat im Jahre 1967 jüdische und polnische Menschen betreut, die im Frankfurter „Auschwitz-Prozess“ als Zeugen geladen waren.  Hier waren Personen angeklagt,  als Bedienstete in Konzentrationslagern andere Menschen geschunden, gequält und umgebracht zu haben.  Während die Angeklagten z.T. wirklich clevere Anwälte hatten, traten die Zeugen oft eingeschüchtert und mit großen Gedächtnislücken vor Gericht. Gegen ihre Traumata wurde wenig oder gar nichts getan. Oft wurden sie als Lügner bezichtigt  und angeschrien. Die Pax Christi-Leute des Königsteiner Arbeitskreises luden sie zu sich nachhause ein und bereiteten ihnen ein Umfeld in dem sie sich erholen und entspannen konnten, soweit das in Deutschland möglich war. Und eigentlich war man daran interessiert die persönliche Geschichte dieser Leute zu hören und zur Kenntnis zu nehmen. Vergangenheitsbewältigung – ein Wort, das die Elterngeneration davor oft in Weißglut brachte, wurde hier konkret praktiziert. 

Was oft zuhause so harmlos klang – die Erzählungen vom Krieg – auf einmal schockierten sie. Die Perspektive der Opfer.

Eine Person hieß Jan Weiß, auch er war Pole. Er wohnte 6 Wochen bei Freunden im Hause. Die ersten Wochen sprach er praktisch nichts. Kam immer nur „nachhause“ und konnte seine Belastungen nicht offenbaren. Versteinerung. Auch noch nach Jahren. Später bewegte sich etwas.  Er erzählte. Er war Leichenträger in Auschwitz - erzwungenermassen. Und – er musste seinem eigene Vater die Giftspritze verpassen. 

Eine andere Frau – sie sass eines Abends am Abendbrot-Tisch bei anderen Freunden als ich hereinkam, und es war richtig gemütlich. Man war offensichtlich gut gelaunt und hatte schon eine Flasche Wein auf dem Tisch stehen.  Ich interessierte mich für sie und irgendwann, mitten im Gespräch, sagte sie: die haben mir Zementlösung in die Vagina gespritzt. Nur das. Das wars.

Auch heute spüre ich noch wie dieser Satz sich für mich damals anfühlte. Ich war 19 Jahre alt und politisch naiv. Der Zaun um mein Paradiesgärtlein fiel in diesem Augenblick leise um.

(rg)  


 



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